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Gurtenfestival 2012
«I chönnt gränne vor Fröid»
Patent-Ochsner-Frontmann Büne Huber über zwei Dekaden Musik, Jugend-Aktivismus und warum seine Bandmitglieder «mutige Motherfu***r» sind.
Von , zuletzt aktualisiert am 15.07.2012, 20:02 Google+

Euch gibt es schon über zwei Jahrzente. Dann kommt ihr hierhin als alte Hasen und der Ganze Gurten dreht durch. Was machen Lieder wie «Scharlachrot» immer noch so speziell?
Ich weiss es nicht. Es ist schwierig, das Feeling in Worte zu fassen. Dieses Festival ist das Wichtigste für uns. Wir haben vor vielen Jahren hier die Musik kennengelernt. Jetzt Interviews zu machen, ist eigentlich blöd.

Warum das?
Wir sind wie auf Drogen. Wir waren sehr angespannt, als wir hochkamen. Es war gespenstisch ruhig, vor dem Auftritt. Dann hat sich die ganze Anspannung in Musik entladen. Das ist cool: Viele Bands spielen einfach ihre Lieder hinunter; ich hingegen bin mit mutigen huere Motherfu***rs hier oben. Das ist Hippiesound, es ist nicht abgekartet. Wenn du merkst, dass die Leute Freude haben, ist das ein Geschenk. I chönnt gränne vor Fröid.

Das macht ja ein gutes Konzert aus, oder?
Ich glaube schon, dass der Funke stimmen muss. Wir hatten diesen Sommer ein Konzert, das richtig schlecht war. Es fing mit drei Staus an, dann bist du eh schon gestresst. Dann gehst du auf die Bühne und hast den Kopf schon voll, du bist die letzte Band, alle sind schon betrunken und hatten schon fünf Stunden Musik im Ohr. Dann bist du einfach ein grobmotorischer Wixer und spielst dein Zeugs ab. Das ist nicht sensibel, das ist nicht Musik machen. Es ist abliefern.

Wir war euer erster Auftritt hier oben?
Das war immer ein Auftritt von grosser Bedeutung. Viele, die da Draussen stehen und eine Band haben, denken sich: Vielleicht stehe ich auch mal da oben. Unser erster Auftritt war ehrfürchtig, ich weiss noch jedes Detail.

Ihr wurdet mit den Worten «Hier kommt die Band, die auch spielt, wenn ihr auf der Strasse tanzt» angekündigt. Eine Anspielung auf euren Auftritt am «Tanz dich Frei»?
Wir hatten zuvor im Solothurner Kofmehl einen Auftritt. Haben die Zugabe abgesagt und sagten: «Freunde, wir müssen jetzt noch nach Bern.» Das war eine unvergessliche Nacht. Wir haben dort gespielt, weil wir die politischen Ideen der Reitschüler unterstützen. Unser Auftritt war ein Statement. Jede Jugend soll sich ihre Räume erkämpfen. Und wenn dann alte Schafseckel wie ich zeigen können, dass wir auf ihrer Seite sind, ist das wichtig.

Bist du damit zufrieden, wie es ausgegangen ist?
Die Diskussionen, dass es politisch nicht mehr eindeutig war, haben mich genervt. Natürlich kamen nicht alle, wegen dem politischen Statement. Aber das ist doch klar in dieser Facebook-Welt, da kommen ein paar Leute, die wollten einfach etwas feiern - das war bei Zaffaraya nicht anders.

Was möchtest du dem Berner Stapi Alexander Tschäppät gerne mal sagen?
Ich habe vorhin kurz mit ihm geredet, der ist gar nicht so daneben. So ein Anlass wie «Tanz dich Frei» war grossartig. Weder Polizei noch Jugend sind ausgetickt. Mamma Mia, in welcher Stadt findet so etwas statt? Die Polizei muss in Bern kein Exempel statuieren. Tschäppät sagte in einem Interview nach dem 2. Juni mal: «Eine Gesellschaft muss auch mit ihren Wiedersprüchen leben können.» Das fand ich stark. Man muss mit Randständigen umgehen können. Die Reitschule macht genau das.

Wie habt ihr euer heutiges Publikum erlebt?
Was schön war: Während unserem Auftritt zückte fast niemand das Handy, um ein Bild zu machen. Sie lebten im Augenblick. Es gibt mit Facebook und Co. viele starke Einflüsse. Manchmal muss man nicht alles fotografieren und teilen. Während dem Beischlaf schreibt man ja auch keine SMS. Das hat mit Hingabe zu tun.

Reden wir über die Musik. 1991 wart ihr mit «Schlachtplatte» in den Charts. Heute, über 20 Jahre später, wieder mit «Johnny – The Rimini Session Pt. 2». Zwei erfolgreiche Dekaden Musik also?
Ich schaue dies mit grosser Dankbarkeit an. Es könnte auch ganz anders sein. Es hat sich auch technisch in der Musik viel verändert.

Was ist das Geheimrezept? Habt ihr immer den Puls der Zeit getroffen oder mit eurer Musik etwas gar Zeitloses erschaffen?
Ich glaube, diese Band strahlt ein Lebensgefühl aus. Das kommt nicht von ungefähr, dass wir heute so aussehen, wie wir aussehen. Ich bin von Haudegen umgeben. Ich bin umgeben vorn mutigen Leuten, die über ihren Schatten springen und neue Räume ausloten. Wir wagen es, auf eine Bühne zu gehen und zu sagen: Vielleicht sehen wir beschissen aus. Wir sind keine Hollywood-Fuzzis, die etwas vorgaukeln, was nicht ist. Das ist etwas, was die Leute spüren.

2010 habt ihr mit dem Berner Symphonieorchester auf dem Bundesplatz gespielt. Ist eine Wiederholung geplant?
Nein, stell dir auch vor. Das war eine dermassen grosse Kiste. Das war ein Orchester von 76 Leuten, das geht nicht ohne Sponsoren.

Ist das schade?
Nein. Solche Sachen leben vom Moment, dann nicht mehr. Ich will ja nicht jede umgesetzte Furzidee wiederholen. Wir haben viel gelernt und verstanden, es war eine wunderbare Geschichte. Aber wiederholen wollen wir das nicht. Solch grosse Schiffe sind langsam zu steuern. Ich habe lieber agile, kleine Boote.


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